Der Seelenfütterer - Klaus Bendel

Glauben (er)leben

2. Ludwigsburger Turmgeschichten


Die Versuchung

 

Wie oft sind wir verzweifelt? Unverhofft werden unsere Pläne zerstört und wir wissen nicht mehr weiter. So wie die Verschleppten Israels aus unserer Schriftlesung. Wie soll es nur weiter gehen?
Sollen wir weiter auf Gott vertrauen, auch wenn alles schief zu gehen scheint? Verzweifelte Situation gab und gibt es zu allen Zeiten.
Verzweifelte Situation für ganze Völker, für Gruppen und auch einzelne Menschen.
Das war im alten Israel so und oft auch heute noch.

Hören wir auf die kleine Geschichte, die ich ihnen heute Morgen mitgebracht habe.

Sie spielt vor einigen Jahren, irgendwo in Ludwigsburg …

„Hallo Oma!“

Tim begrüßt seine Großmutter heute wirklich überschwänglich. Er umarmt sie und drückt sie fest an sich; viel fester als sonst.

„Ja Tim, was ist denn passiert? War es so toll im Schwimmen?“

„Wie? Nein! .. aber Opa hat mich abgeholt und mir eure Geschichte erzählt. Eure Geschichte mit dem Turm.“

„Welchem Turm?“ Oma sendet fragende Blicke zu ihrem Mann, der neben Tim im Hausflur steht und eben den Hausschlüssel in die Glasschale auf dem Schränkchen gelegt hat. Großvater lächelt und seine Augen leuchten, als sie seinen Blick streift. Sie braucht nur einen kurzen Moment und dann weiß sie worum es geht.

„Ja, der Turm …“ Sie schaut vor sich hin. Erinnerungen steigen in ihr hoch. „Kommt ins Wohnzimmer. Ich bin gespannt, was dein Opa dir erzählt hat.“

 

 

Gemeinsam gehen sie in die „gute Stube“. Tim setzt sich neben Oma auf das Zweisitzersofa und Opa nimmt gegenüber im Ohrensessel Platz.

„Was hat Opa denn erzählt?“

„Die Geschichte mit eurem Turm, dem Turm auf dem Salon bei der Karlshöhe.“ Beginnt Tim zu erzählen, „Ihr wolltet euch ja dort nach dem Krieg treffen. Der Turm hatte den Krieg überstanden, doch dann wurde er abgerissen, abgerissen wegen einer Straße. Opa war ganz traurig und dachte schon er würde dich nie wiedersehen. Er wusste ja nicht wo er dich suchen sollte. Er ist dann in die Friedenskirche gegangen und wollte beim Beten sein Herz ausschütten, Gott sein Leid klagen. Dort hat er dich dann getroffen. Was für ein Glück!“

Der Großmutter steigen Tränen in die Augen. Sie blickt liebevoll zu Ihrem Mann. Der freut sich darüber, dass er dieses für ihn so wichtige Ereignis mit seinem Enkel geteilt hat und noch mehr freut er sich, dass seine Frau genauso fühlt.

„Ja, das war schon eine besondere Geschichte. Mitten im Krieg kam er als Soldat in die Stadt. Wir kannten uns erst kurz, aber schnell war uns klar: Wir wollen den Rest unseres Lebens miteinander verbringen, wenn der Krieg, wenn all das vorbei sei würde…“

Großmutter wird plötzlich still.

„Was hast du, Oma?“ Tim bekommt ein wenig Angst.

„Es ist nichts. Ich musste nur an damals denken. Zum Glück hatte ich Gott als Stütze und den Turm als Erinnerung. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn ich auf die anderen gehört hätte?“

„Welche andere?“ Tim wird neugierig

„Es war hier in jener Zeit so vieles ganz anders als heute. Man musste sehr aufpassen was man sagte …

„Wieso musste man aufpassen?“ Tim schaut seine Oma verwundert an.

„Uns wurde damals eingebläut, was für einen guten Deutschen richtig und was falsch ist,“ erklärt sie.

„Das ist doch gut so! Wenn ihr euch darangehalten habt, dann konntet ihr doch nichts falsch machen, oder?“

„Das dachten wir damals auch. Doch irgendwann kamen bei vielen Zweifel auf, ob das alles richtig ist, was die Regierung uns jahrelang gesagt hat.“

„Was wurde euch denn gesagt?“ Tim ist verwirrt.

„Zum Beispiel wurde uns in der Schule erklärt, dass alles Schlechte in der Welt von den Juden kommt.“

„Wie soll das gehen? Alle Menschen sollen schlecht sein, nur weil sie den gleichen Glauben haben? Außerdem glauben die Juden doch an denselben Gott wie wir und Jesus war doch auch Jude. Das habe ich im Religionsunterricht gelernt. Warum sollen die alle schlecht sein?“

„Deutschland ging es damals sehr schlecht, nach dem ersten Weltkrieg. Überall gab es Arbeitslose, viele hungerten. – Dann gab es da auf einmal eine Partei die versprach den Menschen alles besser zu machen. Sie versprachen den Menschen, dass alle Arbeit bekämen und niemand hungern müsste. Sie wollten ein neues und starkes Deutschland aufbauen.“

„Das ist doch prima“, wirft Tim ein „und ihr wolltet da mithelfen!“

„Ja, das wollten wir. Wir wollten gute Deutsche sein und Deutschland wieder stark machen, damit es allen hier wieder gut geht. Ich war zwar damals noch sehr jung, vielleicht etwa drei Jahre jünger, als du heute, doch wir wollten mithelfen. Als diese Partei an die Macht kam, wurde uns gegenüber klargestellt wer an der bisherigen schlechten Lage die Schuld trägt. Die Regierung, die Nationalsozialisten sagten, dass „der Jude“ für unser bisheriges Elend verantwortlich sei. Nur wenn wir alle zusammenhalten und die Juden aus unserem Land vertreiben, würde es uns wieder gut gehen. Und nur wer dabei mithilft ist ein guter Deutscher. Wir wollten alle gute Deutsche sein, deshalb haben wir mitgemacht. Wir Kinder wurden vor die Häuser von jüdischen Mitbürgern geführt und haben Schimpfwörter gerufen. – Unser Hausarzt war damals ein Dr. Pintus. Meine Eltern waren schon lange bei ihm und daher auch wir. Doch auch er war Jude. Ich erinnere mich noch, dass er meinen Arm behandelte, als er gebrochen war. Ich war morgens bei ihm in Behandlung und nachmittags standen wir vor seinem Haus und riefen „Jude verrecke“. Wir Kinder verstanden nicht, was wir da machten. Alle taten es und wir wollten dazu gehören. Wir wollten ja nicht als Volksverräter da stehen …“

Tim wirkt fassungslos

„Das schlimme war, dass es spürbar aufwärts ging mit Deutschland und je stärker Deutschland wurde, umso mächtiger wurde die Regierungspartei. Die bestimmte bald unser gesamtes Leben. Überall wurden die normalen Vereine verboten und dafür Nationalsozialistische Gruppen gebildet. Es lief jedoch bei weitem nicht alles so gut, wie von ihnen versprochen. Wenn dann jemand sich beschwerte und öffentlich die Partei kritisierte, verschwand derjenige. Dann hieß es dann oft: Der ist auf dem Heuberg. Wir wussten am Anfang nicht wo das sein sollte, aber es klang nicht schlimm: ein Heuberg eben. Irgendwann kam auch unser Nachbar, der aus Leipzig nach Ludwigsburg gekommen war, auf den Heuberg. Er hatte damals über den Führer gelästert.“

„Das war der Adolf, Adolf Hittler, stimmts?“ Wirft Tim ein, der gespannt zugehört hatte.

„Genau der. Viele merkten, dass alles nicht so toll war, wie es uns immer erzählt wurde. Dass die Regierung und der Führer doch nicht so viel Wert waren, wie sie uns immer glauben machen wollten. Da kam dann ein Wortspiel auf, dass auf den Wert des Führers anspielte.“

„Was für ein Wortspiel?“

„Es gab damals neben der 5-Pfennig-Münze auch eine 4-Pfennig-Münze, die nannten alle nur Vierer. Es gab also Vierer und Fünfer. Wenn du nun den Führer auf sächsisch aussprichst, dann wird aus Führer eben Fierer. Eines Abends am Stammtisch machte sich unser Nachbar einen Spaß daraus und sagte zu seinen Stammtischbrüdern: Ihr könnt mir erzählen was ihr wollt, aber ich sage euch eines: der Vierer ist keen´n Fünfer wert. – Er blickte in die Runde, doch keiner lachte. Alle blickten nur noch versteinert vor sich hin, tranken ihr Glas aus und gingen. Noch in der Nacht wurde er verhaftet und kam auf den Heuberg. Als er zurückkam, war er nicht mehr derselbe. Er war krank und ängstlich und lebte nur noch zurückgezogen. Da war mir klar: dieser Heuberg ist ein schlimmer Ort“

„Aber das war doch nur ein Spaß.“ Tim kann es nicht glauben. „Dafür wurde er verhaftet?

„Ja – die Regierung duldete keine Kritik – Ganz egal in welcher Form. Selbst jedoch lästerten Sie über all die Gruppen, die die Minderheiten in Deutschland oder politische Gegner waren. Jeder der Juden, Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle, Sinti und Roma oder andere Gruppen unterstützte, war in deren Augen ein Volksverräter. Das ging so weit, dass die Namen meiner Eltern auf einer Liste in der Zeitung auftauchten, weil wir immer noch bei Dr.Pintus in Behandlung waren. Mein Vater hatte damals beinahe seine Arbeit verloren, da haben wir uns einen anderen Arzt gesucht.“

„Wir hatten zwar alle eine Wohnung und zu essen, doch lebten wir ständig in Angst angezeigt zu werden. Viele glaubten Hittler und so war es sehr gefährlich seine Meinung zu sagen.

Der Einzelne zählte nicht mehr – nur noch der Traum vom Großen Deutschland – auch wenn diesem Traum so viele geopfert werden sollten …

1938 feierte ich meinen 13ten Geburtstag. Es war der Tag, als in Ludwigsburg mittags die Synagoge brannte. Wir sahen den Rauch und liefen dort hin. Auf der Straße lagen allerlei Sachen. Kinder spielten mit Zylinderhüten Fußball. Das Gotteshaus der Juden stand in Flammen. Es waren viele Menschen da. Einige klatschen und grölten, doch die meisten starrten fassungslos in die Flammen. Meine Tante war damals aus Berlin zu Besuch und machte Bilder davon. Die Polizei hat ihr den Fotoapparat abgenommen und ein paar Tage später wieder zurückgegeben. Allerdings ohne Bilder. Niemand sollte sehen, wer die Synagoge angezündet hatte. – In der Zeitung stand, dass der Volkszorn entfesselt worden sei und an den Juden Rache genommen hätte. Es waren aber eher Parteigenossen, die nicht erkannt werden wollten und das Volk hat zugeschaut. An diesem Tag wurden viele Juden verhaftet, auch unser Dr. Pintus – er kam nicht mehr zurück.“

Tim schaut traurig vor sich hin.

„Ein Jahr später begann der Krieg. Und wieder war Deutschland zunächst erfolgreich. Wir Kinder bekamen damals am Anfang nicht viel mit vom Krieg. Erst als die deutschen Truppen nicht mehr erfolgreich waren und zurückgedrängt wurden, war das auch direkt für uns spürbar. Es wurden Sammlungen veranstaltet. Kleidung Schuhe und Geld wurden für die Frontsoldaten gebraucht und neue Wunderwaffen sollten gebaut werden. Jede und jeder sollte seinen Beitrag leisten. So standen immer weniger Geld, Nahrung und Kleidung zur Verfügung. Die Kohlen zum Heizen gingen aus. Immer wieder gab es Fliegeralarm.

Doch auch in dieser dunklen Zeit gab es Lichtblicke. Es war 1944, ich arbeitete damals als Krankenschwester im Lazarett, da traf ich deinen Großvater zum ersten Mal. Er hatte sich bei Schießübungen verletzt und ich verband jeden Morgen seine Hand. Wir trafen uns auch privat und verliebten uns. 

Es war auf dem Aussichtsturm, als er mich fragte, ob ich seine Frau werden wolle. Ich sagte ja und er steckte mir mit zitternden Händen den Verlobungsring an.

Einen Tag später musste er zurück an die Front.“

„Ja, und später habt ihr euch dann wieder getroffen!“ Tim freut sich mit seinen Großeltern.

„Stimmt“, erzählt die Großmutter weiter, „aber das war ganz und gar nicht so sicher, dass wir uns wiedersehen würden. Im Januar 1945 kam dann die Nachricht, dass er vermisst und vermutlich tot wäre. Ich weinte tagelang und konnte es nicht glauben. Die Zeit verging, der Krieg ging zu Ende, Ludwigsburg wurde besetzt. Zwei Jahre später war ich immer noch als Krankenschwester beschäftigt. Ein Soldat, den ich versorgt hatte, bot mir an mit ihm zu kommen. Er prophezeite mir eine goldene Zukunft mit ihm. Er würde mich mitnehmen und wir würden im Ausland ein Leben in Wohlstand führen. Er hatte während des Krieges viele Wertsachen verschwinden lassen und versteckt. Sein Interesse an mir war so groß, dass er mir Schokolade und Wein schenkte, mir eines Tages Rauchfleisch brachte und ein hübsches Kleid aus Frankreich. Alles Dinge auf die wir so lange verzichten hatten müssen. Er sagte mir, dass Deutschland noch nicht am Ende sei. „Wir werden letztlich doch siegen, wir sind Deutsche“.

Es bestand kaum noch Hoffnung, dass dein Großvater wieder nach Hause kommen würde und das Angebot über ein Leben in Wohlstand war verlockend.

„Du musst dich bis Morgen entscheiden!“ Es war an einem Samstagabend, als der Soldat von mir eine Antwort forderte. Er bot mir immerhin eine gesicherte Zukunft. Eine sichere Zukunft während einer Zeit, in der man morgens nicht wusste, ob man abends etwas zu essen bekommen würde.
Am darauffolgenden Sonntagmorgen regnete es in Strömen. Ich ging trotzdem ich in die Kirche. Ich hoffte Antworten auf meine Fragen zu finden. Die Predigt ging um die Rückkehr der Verschleppten Israels, ging darum, dass Gott sein Volk wieder heimführen würde. Wir beteten zu Gott, dass er auch unsere Verschleppten unsere Vermissten wieder nachhause führen möge.
Das hat mich sehr bewegt. Dazu noch ein Satz aus dem damaligen Predigttext. Das alles löste in mir etwas aus, das meine Entscheidung plötzlich ganz einfach machte.“

 


Die Großmutter erhebt sich und geht zum Bücherregal. Sie nimmt ein abgegriffenes altes Buch heraus und nimmt wieder Platz. „unsere Hochzeitsbibel“ erklärt sie stolz, schlägt sie an der Stelle auf, an der sie das Lesezeichen eingelegt hatte und liest vor:



Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel
(Jeremia 29, 1+4-14)

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte –
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.
Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

„Und was war das für ein Satz, von dem du gesprochen hast ?“ Tim ist gespannt.

„Es ist eine Warnung Gottes, auf die wir schon viel früher hören hätten sollen: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge ..

Der Soldat war einer von denen, die immer noch den Traum der Weltherrschaft der Deutschen träumte. Er hatte nicht verstanden, dass die Gewalt, die im Namen Deutschlands begangen wurde, wieder auf Deutschland zurückgefallen war. Er prophezeite, dass es ein starkes und reines Deutschland geben wird und vergas dabei die Menschlichkeit. Vergas, dass kein noch so starkes Volk auf Dauer ohne Menschlichkeit glücklich leben kann.

Ich spürte deutlich, dass ich da nicht mehr teilnehmen wollte. Voller Zuversicht entschloss ich mich einem neuen Leben entgegen zu gehen. Auch wenn mir, wie an diesem Morgen ein scharfer Wind ins Gesicht blasen und ich vom Regen durchnässt werden würde. Nach dem Gottesdienst köpfte ich meinen Mantel zu und nahm meinen Regenschirm. Ich war bereit mich dem Unwetter, das mich erwartete, sowohl im Leben, als auch an diesem Tag zu stellen.

Als ich jedoch aus der Kirchentüre trat, war der Platz vor der Kirche lichtdurchflutet.

Das Unwetter hatte sich verzogen.

Ich blickte Richtung Stuttgart und sah den Aussichtsturm und die Sonne, die direkt über ihm stand. Die wohltuende Wärme spüre ich heute noch auf meiner Haut. Ich erinnerte mich an mein Versprechen, das ich dort vor Jahren, dort auf diesem Turm gegeben hatte. Ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit durchströmte mein Herz …

 

Noch am selben Tag sagte ich dem Soldaten, dass ich auf meinen Verlobten warten würde. Er verschwand am nächsten Tag und ich habe nie wieder von ihm gehört.

Wie ich deinem Opa versprochen hatte, ging ich jeden ersten Sonntag nach dem Gottesdienst zu dem Turm und wartete auf ihn. Irgendwie spürte ich: Solange der Turm steht, so lange besteht Hoffnung. Der Turm, dieses Symbol unserer Liebe hatte den Krieg überstanden. Warum sollte nicht auch unsere Liebe den Krieg überstehen? Doch eines Tages hieß es plötzlich: Der Turm wird abgerissen.

Ich war verzweifelt. Sie rissen ihn einfach um, diesen, meinen Anker, der mich immer daran erinnerte nicht zu verzweifeln. Eines Morgens war die alte Linde, die beim Turm gestanden war, umgerissen und die Trümmer des Turmes lagen da, wie die Scherben in meinem Herzen, die aus meiner Hoffnung übriggeblieben waren.

Am Sonntag nach dem Abbruch des Turmes ging ich völlig verzweifelt zum Gottesdienst. Ich kam nicht zur Ruhe und blieb danach noch in der Kirche sitzen. Die Menschen um mich herum kamen und gingen. Ich betete und klagte. Ich weiß nicht, wie lange ich so gesessen hatte. Irgendwann erhob ich mich und ging Richtung Ausgang. Ein seltsames Gefühl hatte mich ergriffen. Ich fühlte mich beobachtet. So ging ich durch die Seitentüre und trat auf den Platz vor der Kirche. Plötzlich hörte ich jemanden meinen Namen rufen: „Anna!“ Die Stimme erkannte ich sofort …“

„Es war Opa!“, wirft Tim ein „Genau so hatte er es mir erzählt!“

Der Junge strahlt übers ganze Gesicht.

„Letztlich kann ich sagen: Das Warten und Bangen hatten sich gelohnt.
Diesen Weg im Vertrauen auf zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens …“

Liebevoll blickt sie zu ihrem Mann, der der Geschichte mit traurigem Blick gefolgt war und in dessen Augen nun plötzlich ein Strahlen zurückgekehrt war.

„Ja,“ sagt er „zum Glück hast du nicht auf diesen falschen Propheten gehört.“

 „Es ist schon seltsam, wie Gottes Wort in unser Leben eingreifen kann,“ fährt die Großmutter fort, „Ich bin so froh, dass ich Gott in mein Leben gelassen habe, auch wenn ich nicht gewusst hatte, wohin mich das führt. Hätte ich ihm damals nicht vertraut, dass er auch meinem Leben einen Sinn geben und vielleicht sogar meinen Verlobten zurückbringen würde und wenn ich stattdessen den einfacheren Weg gegangen wäre und auf den falschen Propheten gehört und der Versuchung nachgegeben hätte,„ sagt die Großmutter, blickt Ihren Enkel an und streicht ihm dabei durchs Haar, „ich hätte das Beste in meinem Leben versäumt.“

 

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.

AMEN