Der Seelenfütterer - Klaus Bendel

Glauben (er)leben

1. Ludwigsburger Turmgeschichte



Trümmer der Hoffnung


Jede und jeder hat so etwas schon einmal erlebt. Da wird man zu Unrecht beschuldigt oder ständig wird jemand anderer bevorzugt. Noch schlimmer, wenn Gewalt und Verfolgung drohen.

Auch unsere Bibel ist voll solcher Geschichten. Die jungen christlichen Gemeinden in den römischen Provinzen litten sehr unter dem Druck dem sie als religiöse Minderheit ausgesetzt waren.
Ausgrenzung, Beschimpfungen und auch Gewalt waren an der Tagesordnung.

Wie sollen Sie darauf reagieren?

Sollten sie sich verkriechen?
oder sich wehren? – mit Gewalt?

Petrus schreibt einen Brief an die Gemeinden - weist auf das hin was wirklich wichtig ist.
So lesen wir im 3.Kapitel des 1. Petrusbriefs die Verse 8–13:

Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber sieht auf die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Ehrfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

Mit Christus im Herzen Gutes tun. Das ist die Botschaft aus diesem Abschnitt des Briefes. wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede.

Das haben wir eben gehört. Ich habe Ihnen hierzu eine kleine Geschichte mitgebracht.

Trümmer der Hoffnung


Ein älterer Herr wartet mit seinem Auto vor dem Hallenbad in Kornwestheim.
Er freut sich darauf seinen Enkel Tim wieder zu sehen.
Tim ist im Hallenbad.

Endlich kommt Tim.
Er steigt zu seinem Großvater ins Auto.
Sein Blick ist traurig.
Großvater bemerkt sofort, dass etwas nicht stimmt. „War es schön beim Schwimmen?“
Tim nickt mit dem Kopf und schaut traurig vor sich hin.
„Na, so richtig fröhlich siehst du mir aber nicht aus“ er streicht Tim über das immer noch feuchte Haar.
 „Ach lass mich!“ der Junge schubst genervt die Hand seines Opas weg.
„Oje, da ist aber einer sauer. Was war denn los?“
„Nix“ entgegnet der Junge, dreht sich weg und schaut zu Seitenscheibe des Autos hinaus.
Der Großvater merkt, hier kommt er nicht weiter. „Gut, wenn alles in Ordnung ist, dann können wir ja jetzt los …“

Es ist bereits dunkel als die Fahrt beginnt.
Vor einigen Wochen war um dieses Zeit noch heller Tag, doch nun ist schon November und die Tage werden immer kürzer. Sie lassen die Ortschaft hinter sich und fahren auf die mehrspurige Bundesstraße.
Tim starrt immer noch zum Fenster in die Dunkelheit hinaus. Von weitem sieht man schon die Lichter der Stadt. Kurz nach der letzten Ausfahrt vor der Stadtgrenze kommen noch einige Lichter dazu.
„Super … schon wieder Stau ..“ es sind die Rücklichter der Autos vor ihm.
Es gibt kein vor und kein zurück und beide warten still darauf, dass es weiter geht.
Plötzlich durchbricht der Großvater das Schweigen: „Genau hier war es!“ – „Hier war was?“ Tim hat sich zwischenzeitlich etwas beruhigt.

„Hier hat sich einmal einer so richtig geärgert.
Er dachte seine Zukunft wäre zerstört.“
„Ich verstehe dich nicht. Was meinst du?“ Tims Interesse ist geweckt.
„Die Straße hier, die gab es früher nicht.
Genau hier, an dieser Stelle war ein Park.
 Hier links von uns stand ein Turm, ein Aussichtsturm.
Es gibt da eine Geschichte um diesen Turm,“ spricht der Großvater weiter, „möchtest du sie hören?“ Tim nickt ..
  

So beginnt der Großvater zu erzählen ...

„Ein Junger Mann, er war damals gerade 18 Jahre alt, kam als Soldat in diese Stadt. Das Erste, das er schon von weitem sehen konnte, war jener Turm. Der Turm war so hoch, dass er alles hier überragte.
Es war ja schließlich ein Aussichtsturm.
Die Menschen kamen, stiegen hinauf und bewunderten die Aussicht. Sonntags wurde von der Aussichtsplattform mit Posaunen der Tag begrüßt. Man traf sich dort, ging spazieren und genoss die Ruhe.
Vor allem in den Abendstunden war er ein beliebter Treffpunkt für Verliebte.
In der Stadt war damals alles voller Kasernen und Soldaten.

Ludwigsburg war eine sogenannte Garnisonsstadt.
Hier lernte der Soldat ein junges Mädchen kennen und verliebte sich in sie. Sie trafen sich natürlich auch an dem Turm.
Sie versprachen sich, aufeinander zu warten.
Wenn der Krieg vorüber wäre, würden sie heiraten.
Es kam der Tag des Abschieds.
Er wusste zwar wo sie wohnt, doch in Kriegszeiten konnte sich das schnell ändern. Viele Wohnungen und Häuser wurden damals zerstört.
Wie sollten sie zueinanderkommen, nach dem Krieg?


„Wenn wir uns nicht wiederfinden können, dann treffen wir uns am Turm, sobald du zurück bist!“ meinte sie. „Ich komme dann an jedem ersten Sonntag im Monat hier her. Gleich nach dem Gottesdienst, gegen 11:00 Uhr warte ich hier dann eine Stunde lang hier auf dich.“
Die beiden fielen sich ein letztes Mal in die Arme.
Am nächsten Morgen ging es für den Soldaten wieder an die Front …

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Wie durch ein Wunder überleben beide den Krieg.
Doch er kam in Kriegsgefangenschaft. Die Jahre vergingen.
Der Krieg war schon lange Jahren vorbei, als er endlich entlassen wurde und heimkehren durfte.
Den Kontakt zu seiner Verlobten hatte er verloren.
Ab und zu hatte er noch Informationen über Ludwigsburg erhalten und war sehr froh, dass der Turm den Krieg überstanden hatte.
„Ach du mit deinem Turm“, meinte eines Tages ein Mitgefangener „Deine Verlobte hat doch längst einen Anderen. Aber dann kannst du ja wenigstens auf den Aussichtsturm steigen und dich nach einer anderen umschauen!“

„Warum sagst du so etwas?“ Er versuchte ruhig zu bleiben „Im Gebet sind wir beide bei Gott. Er hält seine Hand über uns. Ich bin mir sicher, sie wartet auf mich!“
„Ach du und dein Gott. Sag ihm doch, dass er uns bei Gelegenheit mal hier herausholen soll …!“
„Das tue ich … jeden Tag. Aber das liegt in seiner Hand, nicht in unserer. Doch egal wie lange es dauert. Gott wird immer eine Türe für mich aufhalten, wenn mir auch alle anderen die Türe vor der Nase zuschlagen.“
So blieb seine Hoffnung erhalten, an die er sich all die Jahre geklammert hatte.
Als er jedoch die Stadt von weitem sah, dachte auch er, Gott habe ihm die Türe vor der Nase zugeschlagen. Er traute er seinen Augen nicht.
Der Turm war weg.
Von weitem hätte er ihn schon sehen müssen, doch da war nichts – Der Turm verschwunden ...

Er machte sich sofort auf den Weg, um sich das Ganze genauer anzuschauen. So ging er zu dem Platz, wo einst der Turm gestanden hatte. Doch was er fand, war nur ein Trümmerhaufen.
Selbst die alte Linde, wohl schon über hundert Jahre alt, war nicht mehr da.
Wie konnte das geschehen?

Seine Kräfte verließen ihn und so setzte er sich auf einen Stapel Bauholz, das an der Seite gelagert war.

 


Eine Gruppe junger Burschen kam vorbei. „Was ist hier los – Warum ist der Turm zerstört?"
 „Lesen Sie keine Zeitung? Der alte Turm musste weg, hier wird eine neue Straße gebaut. Der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten! Tja Opa, da muss das Alte halt weichen!“
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht zog die Gruppe lachend weiter …

Er wurde wütend. Wie konnten sie es wagen?

War alles was er in seinem Leben geleistet hatte, wirklich nichts mehr wert?
Er hatte es sich doch nicht ausgesucht.
Er wollte nicht in den Krieg ziehen.
Er wäre viel lieber hiergeblieben, hätte geheiratet und eine Familie gegründet. Doch die Zeiten waren anders.
Jetzt kommt er endlich wieder zurück und muss sich von ein paar Halbstarken verhöhnen lassen.

Er wollte den Jungs schon hinterher, da viel ihm ein Spruch wieder ein, den seine Mutter ihm einst gelehrt hatte: wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede

So atmete er tief durch und setzte sich wieder auf den Holzstapel.
Er schloss die Augen und suchte nach dem Bild.
Er suchte nach dem Bild der Liebe, das er all die Jahre vor Augen hatte.
Im Krieg und in der Gefangenheit war es da und gab ihm Friede und Kraft.
Es war das Bild seiner Verlobten, das Bild wie sie an der alten Linde neben dem Turm steht und auf ihn wartet.


Wie oft hatte er gebetet, dass sie sich wiedersehen werden.
Ein wenig hatte er Angst seine Augen zu öffnen. Was geschieht mit seinem Hoffnungsbild? Zerplatzt es vor seinen Augen, wie eine Seifenblase?
Er öffnete die Augen und sah: Die Linde war umgerissen und der Turm abgebrochen. Seine Augen sahen die Trümmer seiner Hoffnung.
Doch in seinem Herzen …, in seinem Herzen war immer noch das Bild der Liebe.

Er wurde ruhiger, seine Wut ließ nach. Dennoch ärgerte er sich immer noch.

Er konnte es nicht fassen. Wie konnten sie nur? Jetzt hatte der Turm die Fliegerangriffe überstanden und nun wurde er dem Fortschritt geopfert, einer Straße geopfert.
Wussten die Verantwortlichen nicht, dass dieser Turm für viele Menschen mehr war, als nur ein schönes Bauwerk? Dass ihr Herz an ihm hing?

Er war traurig und verzweifelt, er wusste nicht mehr weiter.

 

(Tim) „Was geschah dann? Hat er sie wiedergefunden?“ Tim hat seinen Ärger nun beiseitegeschoben und ist nun voll bei der Sache.

 

„Nun ja, der Turm war weg. Wo sollten sie sich treffen?“ antwortet der Großvater, „Einige hundert Meter weiter stand damals schon die große Kirche. Sie war noch vor dem Ersten Weltkrieg für die Soldaten der Stadt gebaut worden.“

 

„Die Friedenskirche!“ ein wenig stolz, etwas zur Geschichte beitragen zu können, meldet sich Tim zu Wort.

 

„Ja genau, nur damals hieß sie noch Garnisonskirche.
Dorthin machte sich der junge Mann auf den Weg.
Als er ankam stand er vor der großen Holztüre.
Er wusste eigentlich gar nicht, was er hier sollte.
Gott hatte seine Gebete nicht erhört. Vermutlich würde er seine Verlobte nie mehr wiedersehen. Doch er musste seinen Frust loswerden. Er würde Gott im Gebet sein Leid klagen, so wie er es in der Gefangenschaft so oft getan hatte. Damals hattes ihm geholfen – vielleicht würde er ihm auch jetzt eine Türe öffnen. Er schob die schwere Pforte zur Kirche auf und trat ein.“

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„Ah, schau es geht weiter! Gleich ist der Stau vorbei!“ Spitzbübisch grinst der Großvater seinen Enkel an.

„Ach komm erzähl weiter! Gleich müssen wir fahren und dann ist keine Zeit mehr dafür.“ Tim ist nun wirklich ungeduldig und hat sogar ein wenig Angst das Ende der Geschichte zu verpassen.

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„Gut – der Mann betrat also den Kirchenraum. Alles kam ihm so bekannt und doch fremd vor. Als er das letzte Mal hier war, beteten alle zu Gott, dass sie siegreich heimkehren mögen. Nun kommt er zurück und hat alles verloren.
Er schaut sich um.
Einige wenige Menschen sitzen in den Kirchenbänken.
Zumeist sind es Frauen mit Kopftüchern, die still ein Gebet vor sich her murmelten.“

(Tim) „Waren das Moslems?“

„Nein Tim, damals war es bei deutschen Frauen Mode, dass sie ein Kopftuch trugen. Also, er stand immer noch vor dem Mittelgang, als sich vorne eine Frau erhob. Sie ging über die rechte Seite Richtung Nebenausgang. Plötzlich fiel ein Lichtstrahl auf Ihr Gesicht.
Unter dem Kopftuch sah er Ihr rotes Haar hervorschauen.“

(Tim) „Rotes Haar, hihi – genau wie Oma …“ warf Tim ein.

„Ja, genau.“ erzählt Großvater weiter, „Er blickte in Ihr Gesicht und war plötzlich wie vom Blitz getroffen. Es war tatsächlich seine Verlobte.
Er hatte sie nach all den Jahren sofort erkannt.
Doch sie hatte ihn nicht bemerkt. Und ging auf die Seitentüre zu.
So rannte er durch die Kirche, seiner Verlobten hinterher.
Die Menschen in den Bänken drehten sich fassungslos um.
Sie war bereits außerhalb des Gebäudes als er sie endlich erreichte. „Anna!“ rief er ….. und sie drehte sich zu ihm um.“

(Tim) „Anna? – Sie hat ja sogar den selben Name wie Oma!“

Der Großvater lächelt seinen Enkel an und sagt kein Wort …

(Tim) „Du!?!“ ruft Tim plötzlich aus „Du, bist der Soldat …. und Oma die Verlobte!“

„Ganz genau. Den Rest der Geschichte kennst du ja. Wir haben eine Familie gegründet und du bist ein Teil davon.

Du siehst, wenn du versuchst alles zu planen, dann wird dir oft von anderen Menschen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Nichts von dem was Menschen machen, bleibt bestehen. Ich habe mich an Gott und Jesus gehalten. So habe ich immer meinen Weg durchs Leben gefunden. So konnte ich immer einen Schritt zurück gehen und mir die Sache von weitem anschauen, wenn mal wieder etwas schief gegangen ist.

Sich mit Wut und Gewalt in eine Sache zu verrennen, bringt wieder nur Wut und Gewalt.

Hätte ich mich damals auf einen Streit mit den Burschen eingelassen, hätte ich deine Oma verpasst. Wer weiß, ob ich sie dann je wiedergefunden hätte.“

Zuhause angekommen liest Großvater seinem Enkel den kleinen Abschnitt aus der Bibel vor, zu dem auch der Satz seiner Mutter gehört:

„Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach.“

Amen

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Bildquelle: privates Photo